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Montag, 24. Oktober 2016


Mittwoch, 22. Februar 2017 um 21:35:50 von Kulturpool Redaktion

Vom Ende der Demokratie 2

Anlass
Jahrestag des Bürgerkriegs anno 1934 in Österreich

Eine Chronologie in Bilddokumenten - Teil 2

Als "Österreichischer Bürgerkrieg" oder - nach christlich-sozialer Lesart - als „Februaraufstand“ werden die bewaffneten Kämpfe benannt, die sich vom 12. bis zum 15. Februar 1934 in einigen österreichischen Städten ereigneten und zu mehreren Hundert Toten führten. Der zweite Teil der auf digitalisierten Bilddokumenten basierenden Chronologie zeigt anhand ausgewählter Ereignisse die Nachwirkungen der „Februarkämpfe“, mit denen das Ende der Demokratie in der Ersten Republik besiegelt wurde, bis hin zum „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland.

17. März 1934
Unterzeichnung der "Römischen Protokolle": Verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Österreich, Ungarn und Italien; Dollfuß und Mussolini rücken näher zueinander.

1. Mai 1934
Proklamation einer neuen berufsständischen autoritären ständestaatlichen Verfassung ("christlicher Bundesstaat auf ständischer Grundlage").

25. Juli 1934
Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß (Bild links zeigt den aufgebahrten Dollfuß) durch Nationalsozialisten, die in das Bundeskanzleramt eingedrungen waren. Der NS-Putschversuch scheitert jedoch, die Putschisten Planetta und Holzweber werden verhaftet und hingerichtet, nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler aber zu „Ostmärkischen Freiheitshelden“ hochstilisiert. (Bild rechts zeigt den "Führer"-Stellvertreter Rudolf Heß bei der Kranzniederlegung am Grab von Otto Planetta im Jahr 1938).

30. Juli 1934
Kurt Schuschnigg (Bild links) wird neuer Bundeskanzler.
 
11. Juli 1936
Abkommen Österreichs mit dem Deutschen Reich, das formell die österreichische Souveränität anerkennt, de facto aber den deutschen Einluss auf Österreich stärkt. Österreich muss zwei Vertreter der "nationalen Opposition" in seine Regierung aufnehmen, eine Außenpolitik in Anlehnung an jene Deutschlands betreiben und verhaftete Nationalsozialisten freilassen.

15. Oktober 1936
Schuschnigg lässt alle Wehrverbände, darunter auch die Heimwehren, auflösen; Schaffung der „Frontmiliz" (Bild rechts: Frontmiliz, bestehend aus ehemaligen Angehörigen der Heimwehr und Sturmscharen, bewacht ein öffentliches Gebäude).

12. Februar 1938
Hitler und Schuschnigg treffen sich auf Anregung des deutschen Gesandten in Wien, Franz von Papen, in Berchtesgaden ("Berchtesgadener Abkommen"). Unter der Androhung eines Einmarsches stimmt Bundeskanzler Schuschnigg der Einsetzung des Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart als Innenminster sowie einer Amnestie für Nationalsozialisten und deren legaler Betätigung in der Vaterländischen front zu.

9. März 1938
Schuschnigg kündigt in Innsbruck (Bild links) für den 13. März die Abhaltung einer Volksbefragung über die Selbständigkeit Österreichs an.

11. März 1938
Schuschnigg muss sein Vorhaben, eine Volksbefragung über Österreichs Unabhängigkeit abzuhalten, unter dem Druck Hitlers aufgeben und tritt zurück. Neuer Bundeskanzler wird Seyß-Inquart (Bild rechts). Er übte dieses Amt nur ein Monat, bis zum 13. März 1938, dem Tag des „Anschlusses Österreichs“ an das Deutsche Reich, aus. Arthur Seyß-Inquart gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen, wurde am 1. Oktober 1946 in drei von vier Punkten schuldig gesprochen und als Kriegsverbrecher hingerichtet.

12. März 1938
Die Deutsche Wehrmacht marschiert unter großem Jubel in Österreich ein; erste Verhaftungswellen von RegimegegnerInnen setzen ein.

13. März 1938
Verlautbarung des Bundesverfassungsgesetzes über die "Wiedervereinigung" Österreichs mit dem Deutschen Reich. Das österreichische Bundesheer wird Bestandteil der Deutschen Wehrmacht (Vereidigung auf Hitler am 14. März).

15. März 1938
Hitler spricht bei einer Großkundgebung auf dem Wiener Heldenplatz (Hitlerjugend, Defilee vor Hitler und jubelnde Menge; im Uhrzeigersinn von links oben).

16. März 1938
Verordnung zum Gesetz über die „Wiedervereinigung“ Österreichs mit dem Deutschen Reich.

Sonntag, 12. Februar 2017 um 13:31:47 von Kulturpool Redaktion

Vom Ende der Demokratie 1

Anlass
Jahrestag des Bürgerkriegs anno 1934 in Österreich

Eine Chronologie in Bilddokumenten - Teil 1

„In Österreich wurde die Erfahrung gemacht, dass Demokratie ausgeschaltet wurde, um bestimmte Interessen durchzusetzen. Autoritäre Traditionen konnten wegen mangelnder Auseinandersetzung überleben. Daher muss man diskutieren, was notwendig ist, um Demokratie aufrechtzuerhalten.“ (Emmerich Talos)

Als "Österreichischer Bürgerkrieg" werden die bewaffneten Kämpfe benannt, die sich vom 12. bis zum 15. Februar 1934 ereigneten und zu mehreren Hundert Toten in Wien und in österreichischen Industrieorten sowie zum endgültigen Ende der Demokratie in der Ersten Republik führten. Bis heute konnten sich die politischen Lager in Österreich, insbesondere die Sozialdemokraten (SPÖ) und die Konservativen (ÖVP), nicht auf eine generelle Einschätzung der Ereignisse einigen. Vertreter der Volkspartei sprechen daher nicht vom Bürgerkrieg, sondern von den "Februarkämpfen 1934" oder dem "Februaraufstand 1934“.

Gegenüber standen sich in diesen Auseinandersetzungen einerseits nicht zentral gesteuerte Teile der ihre Entwaffnung fürchtenden Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bzw. der von der Regierung Dollfuß II bereits verbotene Republikanische Schutzbund und andererseits die den Ständestaat (der schließlich im Mai 1934 mit Rückendeckung Benito Mussolinis proklamiert wurde) anstrebende Regierung mit ihrer Exekutive (Bundesheer, Polizei, Gendarmerie) sowie der Heimwehr, deren Bestrebungen unter dem Begriff „Austrofaschismus“ kritisch zusammengefasst werden können.

Auslöser für diese Ereignisse war der gewaltsame Widerstand des oberösterreichischen Schutzbundführers Richard Bernaschek und seiner Mitkämpfer gegen die Räumung des Waffenlagers des mittlerweile verbotenen Schutzbundes im Linzer Hotel Schiff.

Die folgende Chronologie in Bildern dokumentiert die Vorgeschichte des Bürgerkriegs beginnend mit den Zusammenstößen zwischen Republikanischem Schutzbund und sogenannten Frontkämpfern (dem 1920 gegründeten Wehrverband der politischen Rechten in der Ersten Republik) im Jänner 1927.

30. Jänner 1927
Zusammenstöße zwischen Republikanischem Schutzbund und Frontkämpfern in Schattendorf. Zwei Tote (davon ein Kind) und elf Verletzte. (Das linke Bild zeigt die Leichenfeier der beiden Toten in Schattendorf)

14. Juli 1927
Urteil im Schattendorfer Prozess: Freispruch der Angeklagten, auch in der Frage der Notwehrüberschreitung. (Bild rechts: Titelseite der Arbeiter-Zeitung zum Urteil)

15./16. Juli 1927
Spontane Arbeiterdemonstrationen, Brand des Justizpalastes (Bild links). - Das brutale Vorgehen der Wiener Polizei unter Leitung des Polizeipräsidenten Schober fordert 90 Todesopfer und ca. 600 Verletzte und veranlasste Karls Kraus, Schober in der Fackel und mit einem Plakat (Bild rechts) zum Rücktritt aufzufordern.

27. Oktober 1929
Großkundgebung der Heimwehr auf dem Wiener Heldenplatz (Bild links) und Aufmarsch der Heimwehrführer Walter Pfrimer und Richard Steidle (Bild rechts).

18. Mai 1930
Österreichische Heimwehrführer beschließen ein demokratie-feindliches und antimarxistisches Programm und leisten Schwüre auf ein ständisch gegliedertes Österreich ("Korneuburger Eid“).

2. September 1930
Fürst Ernst Rüdiger Starhemberg (im Bild oben) wird Bundesführer des "gesamten österreichischen Heimatschutzes".

30. September 1930
Zwei Heimwehrvertreter werden in die Minderheitsregierung Carl Vaugoin aufgenommen (Starhemberg Innenminister, Hueber Justizminister).

9. November 1930
Letzte freie Nationalratswahlen in der Ersten Republik. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs wurde stimmen- und mandatsstärkste Partei. Den zweiten Platz belegte die Christlichsoziale Partei, die gemeinsam mit der Heimwehr (im Bild mit Wahlplakaten) antrat. Die Nationalratswahl 1930 war die letzte vor dem austrofaschistischen Staatsstreich 4. März 1933, den Engelbert Dollfuß in der Österreichischen Wochenschau propagandistisch als „Selbstausschaltung des Parlaments“ bezeichnete.

13. September 1931
Der Putschversuch des steirischen Heimwehrführers Walter Pfrimer ("Marsch auf Wien") scheitert. Dennoch wird er beim Prozess in Graz (Bild links oben) freigesprochen (Das Bild rechts oben zeigt Pfrimer jubelnd nach dem Freispruch). - Das Bild darunter zeigt Schutzbundführer Julius Deutsch bei seiner Trauerrede für die Opfer des Pfrimer-Putsches im Jahr 1931 (links Karl Renner, rechts neben ihm Karl Seitz)

4. März 1933
Dem Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten folgt am 7.März die autoritäre Regierungsdiktatur von Engelbert Dollfuß (im Bild bei seiner Rede über die ständische Neuordnung Österreichs auf dem Wiener Trabrennplatz am 11.September 1933): Der Ministerrat beschließt, mit Hilfe des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes aus dem Jahre 1917 ohne Parlament weiter zu regieren.

31. März 1933
Auflösung des Republikanischen Schutzbundes, der illegal fortbesteht. - Im Bild links Koloman Wallisch, der ein Jahr später, am 18.Februar 1934, verhaftet und am folgenden Tag vor ein Standgericht gestellt und zu Tode verurteilt wurde. Bertholt Brecht hat dem Schutzbündler eine Kantate gewidmet ("„Im Februar vierunddreißig / Der Menschlichkeit zum Hohn / Hängten sie den Kämpfer / Gegen Hunger und Fron / Koloman Wallisch / Zimmermannssohn.“) - Im Bild rechts Schutzbundführer Julius Deutsch, der sich im Februar 1934 durch Flucht in die Tschechslowakei vor der Verhaftung und Hinrichtung retten konnte und danach als General im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte. 1946 kehrte er (als einer von nur wenigen jüdischen Vertriebenen) aus der amerikanischen Emigration nach Österreich zurück, wo er bis 1951 die Sozialistische Verlagsanstalt leitete, im politischen Geschehen der SPÖ aber keine Rolle mehr spielte.

20. Mai 1933
Gründung der Vaterländischen Front als Nachfolgeorganisation der Christlichsozialen Partei unter Führung von Engelbert Dollfuß als "patriotisch-österreichisch-nationale" Sammlungsbewegung. Nach der Ausschaltung von Demokratie, Parlament und Opposition fungierte die Organisation nach faschistischem Vorbild als Einheitspartei mit Monopolstatus. - Im Bild das mit Kruckenkreuzfahnen (Symbol der Vaterländischen Front sowie des Ständestaates) und einem Dollfuß-Bild verhüllte Republikdenkmal.

27. Mai 1933
Verbot der Kommunistischen Partei Österreichs per Notverordnung durch die austrofaschistische Regierung unter Engelbert Dollfuß. - Bild rechts zeigt Johann Koplenig, den langjährigen Vorsitzender der Kommunistischen Partei Österreichs, der nach dem Zweiten Weltkrieg als einer der drei Stellvertreter des Staatskanzlers in der provisorischen Regierung Renner maßgeblich am Entstehen der Zweiten Republik beteiligt und von 1945 bis 1959 Abgeordneter zum Nationalrat war.

19. Juni 1933
Betätigungsverbot der NSDAP nach einem Handgranatenüberfall von Nationalsozialisten auf einen Wehrzug christlich-deutscher Turner bei Krems (1 Toter, 29 Verletzte). In der Illegalität verschärfte die NSDAP ihre Terrorkampagne, die im Juli-Putsch und der Ermordung Bundeskanzler Dollfuß' am 25. Juli 1934 ihren Höhepunkt fand. - Bild links zeigt Alfred Eduard Frauenfeld, den damaligen Klubobmann der Nationalsozialisten im Wiener Landtag und Gemeinderat.

23. September 1933
Verordnung zur "Errichtung von Anhaltelagern zur Internierung politischer Häftlinge“. - Im Bild rechts und links Häftlinge im Anhaltelager Wöllersdorf.

12.-15. Februar 1934
Eine Waffensuche im Linzer Arbeiterheim "Hotel Schiff" löst den Bürgerkrieg in Österreich aus; der "partielle Schutzbundaufstand" wird von der Regierung Dollfuß (Bundesheer, Heimwehr) blutig niedergeschlagen, die Sozialdemokratische Partei und ihre gesamten Organisationen werden in weiterer Folge verboten. - Die „Februarereignisse“ 1934 werden bis heute unterschiedlich eingeschätzt. Sprechen die einen vom Bürgerkrieg (SPÖ), so liegt anderen der Begriff Februaraufstand oder Februarkämpfe näher (ÖVP). Diese Divergenz beruht auf parteipolitischen Präferenzen oder auf unterschiedlichen Urteilen darüber, ob ganz Österreich, ein Großteil des Landes oder ein Großteil aller Bewohner involviert war oder ob es sich nur um Vorfälle in kleineren Teilen des Landes gehandelt hat.

Dienstag, 31. Januar 2017 um 13:55:10 von Kulturpool Redaktion

Digitalisiertes Mittelalter

Anlass
Integration des digitalisierten Mittelalterarchivs der Österreichischen Galerie Belvedere in den Kulturpool

Die mittelalterliche Kunst, die uns heute überliefert ist, ist eine christlich geprägte Kunst. So wie die Religion das Leben der Menschen bestimmte, so bestimmte sie auch das künstlerische Schaffen. Sie entsteht überwiegend im Zusammenhang mit liturgischen Gegenständen, Büchern und Kirchenausstattungen. Auftraggeber für Werke der Bildhauerei und der Malerei war vornehmlich die Kirche. Im Mittelpunkt der „Kunst“ (die vor allem als Handwerk verstanden wurde) stand in erster Linie die Verherrlichung der christlichen Heilsgeschichte und das Bedürfnis Gott zu ehren.

Heimsuchung Mariens, Verkündigung an Joachim und Zurückweisung des Opfers Joachims und Annas (v.l.n.r.): Details des spätgotischen Flügelaltars aus dem Stift Neukloster, Wiener Neustadt, Meister des Albrechtsaltars (tätig um 1430-1440 in Wien)

Die Ansicht, dass das Individuum in Anbetracht der Größe Gottes unwichtig und der Künstler nur ein Handwerker Gottes sei, hatte u.a. auch zur Folge, dass Gemälde bis ins Spätmittelalter nur selten signiert wurden und uns die Namen der jeweiligen Künstler daher oft nicht oder nur mit zugeschriebenen „Notnamen“ (z.B. Wiener Albrechtsmeister oder Wiener Schottenmeister) bekannt sind. Der Gedanke, dass jeder Künstler in der Kunst seine eigene Persönlichkeit ausdrückt, lag dem mittelalterlichen Denken fern. Erst im Spätmittelalter, im Übergang zur Renaissance, melden sich mehr und mehr Künstler selbstbewusst und mit ihrem eigenen Namen zu Wort. Eine Emanzipation, die parallel mit einer neuen Bildsprache einherging.

Madonna vom Sonntagberg (Michaelermeister, um 1360), vermutlich aus der Wallfahrtskirche Sonntagberg in Niederösterreich (links) und Hl. Maximilian (Andreas Lackner, 1518), Schreinfigur des Hochaltars von St. Blasien in Abtenau / Salzburg (rechts)

Ausgehend von Italien begannen immer mehr Künstler das auf strikte Flächigkeit angelegte, strenge Formenvokabular der christlichen Ikonenmalerei zu sprengen. Bald fanden sich auch jenseits der Alpen Künstler, die - wie etwa Jan van Eyck (1399-1464) - realistische Tendenzen in religiöse Szenen einführten. Anschaulich lässt sich diese Entwicklung auch anhand der Mittelaltersammlung der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien verfolgen, die nun nicht nur über die Webseite Digitales Belvedere, sondern auch über den Kulturpool zugänglich ist. Sie umfasst rund 220 Werke von der Romanik bis zur frühen Neuzeit. Ihr Schwerpunkt liegt auf Skulpturen und Tafelbildern des 14. bis frühen 16. Jahrhunderts, die einen repräsentativen Überblick zur Vielfalt der gotischen Bildkünste in Österreich geben.

Vier Tafeln eines Flügelretabels (ehem. Hochaltar der Stiftskirche St. Peter oder des Doms in Salzburg) von Rueland Frueauf d.Ä. (1490) - Verkündigung an Maria, Anbetung der Heiligen Drei Könige, Christus am Ölberg und Geißelung Christi (im Uhrzeigersinn von links oben)

Zu den bedeutenden frühen Skulpturen zählen etwa die ausdrucksstarke Sonntagberger Madonna oder die Figurengruppe des Meisters von Großlobming aus der Zeit des Schönen Stils um 1400. Den grundlegenden Wandel zum frühen Realismus dokumentieren auf eindrucksvolle Weise der Wiener Albrechtsmeister und der Znaimer Altar, dessen Passionsreliefs noch die originale, detailreiche Fassmalerei aufweisen. Hauptwerke der nachfolgenden Generationen stammen von Conrad Laib, dem Wiener Schottenmeister, Rueland Frueauf dem Älteren und dem Jüngeren, Michael Pacher, Marx Reichlich, Hans Klocker, Urban Görtschacher und von zahlreichen weiteren, oft nicht namentlich bekannten Meistern der verschiedensten Regionen. Im Werk von Andreas Lackner kündigt sich bereits das neue Menschenbild der Renaissance an.

Bildnis eines jungen Mannes (ev. Jobst Seyfried) von Rueland Frueauf d. Ä. (um 1495) - Eines der wenigen nicht christliche Motive darstellenden Bilder der Mittelaltersammlung des Belvedere Museums Wien

Zwar sind auch die Mehrzahl der Gemälde der Renaissancekunst Altarbilder und Fresken religiösen Inhalts, die für Kirchen gemalt wurden, doch wurde die religiöse Gestalt mehr und mehr „vermenschlicht“, indem sie in einer irdischen Umgebung dargestellt wurde. So erscheinen die Personen auf vielfigurigen Bildern oft in der Alltagskleidung des Renaissancezeitalters. Außerdem entstanden Bilder mit weltlichen oder heidnisch-mythologischen Themen (z. B. Allegorien, antike Götter- und Heldensagen, antike Geschichte) und immer mehr individuelle Bildnisse zeitgenössischer Persönlichkeiten. Dabei wurde auch immer mehr Wert auf die Anatomie des Menschen gelegt, auf die Erforschung der Muskelzüge, Bewegungen und Körperproportion. Das Bedürfnis Gott zu ehren war zwar nach wie vor ein Anliegen der (kirchlichen) Auftraggeber, die Maler aber emanzipierten sich Schritt für Schritt davon und stellten mehr und mehr den Menschen ins Zentrum ihres nun zur „Kunst“ werdenden Handwerks.

Der „Genter Altar“ in der St.-Bavo-Kathedrale wurde von Jan van Eyck geschaffen und 1432 oder 1435 in der Kathedrale – der damaligen Pfarrkirche Sint-Jans – aufgestellt. Nach einer wechselvollen und abenteuerlichen Geschichte, die vom niederländischen Bildersturm im Zuge der Reformation über die Revolutionskriege Napoleons bis zum Zweiten Weltkrieg reichte, in der der Altar an unzählige Ort verschleppt wurde, ist er nun wieder nahezu komplett in Gent bzw. digital in Europas größter Online-Sammlung von Kunst, Kultur und Wissenschaft (europeana.eu) zu sehen. (http://www.europeana.eu/portal/de/record/2063627/BEL_280_016.html?q=Jan+van+Eyck)

Freitag, 30. Dezember 2016 um 12:20:50 von Kulturpool Redaktion

Abgott Canaletto

Anlass
Isay Weinfelds Projekt für das Heumarkt-Areal und der Streit ums Wiener Weltkulturerbe

In der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums hängt das Götzenbild der zeitgenössischen Stadtbildschützer: Bernardo Ballottos (gen. Canaletto) berühmte, vom Belvedere aus gesehene Ansicht Wiens, gemalt vor über einem Viertel Jahrtausend. Ungeachtet der Veränderung und des Wachstums der Stadt hat sich der sogenannte „Canaletto-Blick“ klammheimlich in eine offenbar unumstößliche städtebauliche Vorschrift gewandelt. Er hat intakt zu bleiben. An ihm darf sich nichts ändern (auch wenn die Proportionen der dargestellten Gebäude nie ganz der Realität entsprochen haben).

Bernardo Bellotto, gen. Canaletto (1722-1780): Der Blick vom Oberen Belvedere aus, dem auf einer Anhöhe südlich der Innenstadt gelegenen Sommerschloss des Prinzen Eugen von Savoyen, trifft im Mittelgrund auf eine Reihe großer Barockbauten: links freistehend mit ihrer monumentalen Kuppel die Karlskirche, dann das in seinen Proportionen stark überhöhte Palais Schwarzenberg, anschließend die Orangerie und das Untere Belvedere, schließlich rechts das Salesianerinnenkloster. Dahinter sieht man die von den Stadtbefestigungen umgebene Innenstadt (Kunsthistorisches Museum, Wien)

Der venezianische Maler wurde so unfreiwillig zum steinernen Gast fast jeder Wiener Architekturdiskussion, denn sein „Blick“ fängt einen großen Teil der historisch gewachsenen Stadt ein. Canaletto wird in den Zeugenstand gerufen, wenn wieder einmal ein neues Haus gebaut werden soll, das aufgrund seiner Größe oder seiner zeitgenössischen Formensprache den verklärten Blick auf die Stadt beeinträchtigen könnte. So auch beim Projekt „Heumarkt Neu“, das seit Monaten die stadtbildschützerischen Gemüter erhitzt.

Stein des Anstoßes ist ein vom renommierten brasilianischen Architekten Isay Weinfeld geplantes Hochhaus, Teil einer von der WertInvest-Gruppe initiierten Neugestaltung des Eislaufverein-Areals zwischen dem Hotel Intercontinental und dem Wiener Konzerthaus, das als Siegerprojekt eines internationalen Wettbewerbs hervorgegangen ist. Denkmal- und sogenannte Stadtbildschützer laufen seit Jahren Sturm gegen das erstmals 2012 vorgestellte Bauvorhaben, obwohl mit seiner Realisierung kein Denkmal (oder - mit dem Hotel Intercontinental -allenfalls ein Denkmal der Moderne) auf dem Spiel steht. Auf dem Spiel steht nur der Canaletto-Blick bzw. das vom Barock geprägte und von Bernardo Ballotto festgehaltene Stadtbild, das als ästhetisches Gebot gegen alle städtebauliche Vernunft konserviert werden soll.

Heumarkt-Areal mit Hotel Intercontinental, Wiener Einslaufverein und Konzerthaus heute (oben) und morgen (unten)

Dass das vielschichtige Bau- und Gestaltungsvorhaben in weiten Bereichen auch öffentliche Interessen umsetzt, dass der Plan vorsieht, auf dem Privatgrundstück einen großen, allgemein zugänglichen und weitgehend konsumfreien Platz zu gestalten und den bislang außerhalb der Wintersaison nicht zugänglichen Eislaufplatz ganzjährig zu öffnen, dass der Investor auch die Kosten für die Neugestaltung der angrenzenden Straße übernimmt (Verlegung der Fahrspuren, um den Platz noch weiter zu öffnen) und damit das gesamte Areal mit dem Konzerthaus aufgewertet wird, all das scheint den Gegnern des Projekts, die die UNESCO mit ihren Weltkulturerberichtlinien nun als städtebauliches und architektonisches Scharia-Gericht anrufen, sekundär.

Es geht um „den Blick“, um das von Canaletto „aufgenommene“ Bild, in den sich kein neues Zeichen einschreiben soll. Und damit natürlich auch um eine Verneinung der Moderne, die bloß als Störung, nicht als Bereicherung empfunden wird. Dass ausgerechnet das vom Barock geprägte Stadtbild vor jeder Veränderung geschützt werden soll, entbehrt architekturhistorisch nicht einer gewissen Ironie. Die Bauherrn (Investoren) und Architekten jener Epoche hatten sich - auf gut Wienerische gesagt - einen Dreck um das Stadtbild geschert. Sie hatten selbstbewusst so gebaut, wie sie es für richtig und angemessen hielten und so radikal das (mittelalterliche) Stadt- und Landschaftsbild verändert, wie - vom gründerzeitlichen Historismus abgesehen - kaum eine andere Epoche davor oder danach. Sie wären nie auf die Idee gekommen, dass Altes a priori mehr Qualität habe als Neues. Und schon gar nicht hatten sie sich darüber Sorgen gemacht, dass ihre neuen Kirchen einen „Stilbruch“ bedeuten oder dass sie mit ihren Palais ja doch nur „Luxusappartements“ errichten (wie die Totschlagargumente gegen zeitgenössische Architektur und innovative städtebauliche Projekte heute häufig lauten). Sie hatten selbstbewusst ihre Weltsicht und ihren „Zeitgeist“ baulich umgesetzt.

Das „Stadtbild“ war immer und wird auch in Zukunft weiter in doppelter Weise Veränderungen unterworfen sein: durch Substanzveränderung und durch die Veränderung von Wahrnehmung und Bewertung: Wiener Heumarkt und Eislaufverein am Heumarkt anno 1780 (Kolorierte Radierung von Johann Ziegler, Albertina) und anno 1961 (Fotografie, Österreichische Nationalbibliothek) 

Was mit der Verklärung des „Canaletto-Blicks“ nonchalant verdrängt wird, ist, dass es sich bei den auf dem Bild festgehaltenen architektonischen Juwelen auch darum handelt: um Herrschaftsarchitektur (Belvedere, Palais Schwarzenberg) und eine triumphale Inszenierung der Gegenreformation (Karlskirche). Diesen „Blick“ heute durch ein zeitgenössisches architektonisches Zeichen zu ergänzen, das die Sprache der Moderne spricht (also der Aufklärung und Säkularisierung), das allein schon sollte ein Grund sein, ein solches Bauprojekt zu befürworten. Gerade weil es das „Stadtbild“ verändert, weil die Formensprache von Weinfelds Projekt eine andere „Botschaft“ enthält - und sei es nur die, dass das „Ende der Geschichte“ noch nicht angebrochen ist, dass auch die republikanische Gesellschaft ihre Weltsicht baulich zum Ausdruck bringt und selbstbewusst Spuren im „Stadtbild“ hinterlässt. Spuren, die die Scheinharmonien stören und jene Widersprüchlichkeit sichtbar machen, die das Lebenselixier der Stadt ist.

Denn das „Stadtbild“ war immer und wird auch in Zukunft weiter in doppelter Weise Veränderungen unterworfen sein: durch Substanzveränderung und durch die Veränderung von Wahrnehmung und Bewertung. Vor dem Einfrieren dieser Entwicklung auf ein postkartentaugliches Klischee hat Österreich renommierter Architekturchronist Friedrich Achleitner schon vor vielen Jahren gewarnt: „Du sollst Dir kein Ortsbild machen.“ Denn der Begriff des Orts- bzw. Stadtbilds „ist ein vom Leben einer Stadt, von ihrer tatsächlichen Struktur, von den Schichten der Lesbarkeit ihrer Geschichte (ihrer politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, geistigen Vergangenheit und Gegenwart) abgekoppeltes und nicht deklariertes ästhetisches System …, das seine Kriterien (falls es überhaupt zu solchen kommt) aus der verklärten Anschauung einer Oberfläche bezieht, die jedenfalls unter ganz anderen Bedingungen entstanden ist.“ (zit.nach Gerhard Fritz, http://www.oeko-net.de/kommune/kommune1-99/kolfrit1.htm, abgerufen am 30.12.2016) Das einmal - zum Beispiel von Canaletto - „aufgenommene“ Stadtbild als ästhetisches Gebot zu konservieren, heißt, „für das Neue genau jenen Lebensnerv durchzuschneiden, der das Alte zu der bewunderten Vielfalt geführt hat.“ Zu jener Vielfalt, die genau das auszeichnet, was von der UNESCO als Wiener Wertkulturerbe gewürdigt wurde.

"Canaletto-Blick" mit durchgestrichenem Heumarkt-Hochhaus (Foto: Martin Kupf; Österreichische Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege)

Dass diese Vielfalt nicht von jeder Epoche durch neue Bauten ergänzt werden dürfe, davon steht in den Kriterien für das Weltkulturerbe, wie sie anno 1972 an der 17.Generalversammlung in Paris beschlossen wurden, auf die sich die „Stadtbildschützer“ heute stützen, freilich nichts. Nirgends steht dort geschrieben, dass das zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgenommenen Stadtbild auf immer und ewig konserviert werden müsse. Und auch das Wort Hochhaus (das nun mal, schon aus technologischen Gründen, ein signifikantes Zeichen des modernen Städtebaus ist und an dem sich der Streit in erster Linie entzündet) kommt darin nicht vor.

Wenn die UNESCO-Kriterien das zu schützende Kulturerbe als jene Güter beschreiben, die „ein hervorragendes Beispiel eines Typus von … architektonischen Ensembles … (darstellen), die einen oder mehrere (sic!) bedeutende Abschnitte der Geschichte der Menschheit versinnbildlichen“, dann kann damit nicht zwangsläufig gemeint sein, dass die „bedeutenden Abschnitte der Geschichte der Menschheit“ im 19.Jahrhundert endgültig zu Ende gegangen sind. Im Gegenteil: Wir dürfen heute zurecht stolz sein, in der längsten friedlichen, ökonomisch prosperierenden und demokratisch-republikanisch geprägten Epoche Europas zu leben. Ergo in einem in der Geschichte der Menschheit ausgesprochen bedeutenden Abschnitt, der auch architektonisch und städtebaulich mindestens so selbstbewusst zum Ausdruck gebracht werden sollte, wie es für die Bauherren nicht nur im absolutistischen Barock, sondern in fast jeder vorangegangenen Epoche selbstverständlich war.

Gerade das Projekt Heumarkt-Neu ist nicht nur im Hinblick auf seine Formensprache (die ohne modische Schnörkel der klassischen Grammatik der Moderne folgt), sondern auch im Hinblick auf den Modus der Entwicklung ein gutes Beispiel für ein die gegenwärtige Epoche repräsentierendes Architekturprojekt. Um den vielfältigen Wünschen und Erwartungen an eine Neugestaltung des Areals gerecht zu werden, wurden mit einem kooperativen städtebaulichen ExpertInnenverfahren neue Formen der Entscheidungsfindung gewählt. Kaum ein anderes (von privaten Investoren geplantes) städtebauliches Projekt in Wien wurde so offen entwickelt, mit Hearings, drei Ausstellungen und der intensiven Einbindung der unmittelbar Betroffenen (Eislaufverein, Konzerthaus). Dass Investoren in einer Marktwirtschaft mit Immobilien natürlich auch Geld verdienen dürfen, sollte freilich genauso außer Streit stehen wie die Usance, dass am Ende eines solchen Verfahrens auch in einer Demokratie nicht zwangsläufig eine „Volksabstimmung“ über architektonische Geschmacksfragen stehen muss.

Links:http://www.dasbesondereprojekt.at/http://www.initiative-denkmalschutz.at/

Autor: Wolfgang Reiter

(Anm. der Redaktion: Der Essay „Abgott Canaletto“ ist ein kritischer Kommentar zur aktuellen Diskussion über das Wiener Weltkulturerbe und spiegelt ausschließlich die Ansichten des Autors zu diesem Thema wider)